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Wozu hier noch gemeinsame ethische Bildung?

Wer versteht schon den ganzen Wind, der im April in den Straßen dieser Stadt um das Fach Ethik in den Klassenstufen 7–10 gemacht wurde?

Kann ethische Bildung religiöse Bildung ersetzen? – Nein

Ethische Bildung gehört zum Bildungsideal für jeden Menschen. Auch wenn viele sagen, alle Menschen sollten religiös gebildet sein, ist das – jedenfalls nach unserem Verständnis des christlichen Glaubens – nur freiwillig möglich.
Macht religiöse Bildung eine gemeinsame ethische Bildung überflüssig? – Zum Teil ja. Zum Teil aber: nein, denn von einer religiösen Bildung, die von den jeweiligen Glaubensgemeinschaften verantwortet wird, kann man nicht verpflichtend erwarten, dass sie über die Bildung in der eigenen Tradition hinaus die Grundlagen des gemeinsamen Zusammenlebens genügend zur Geltung bringt; auch nicht, wenn die Ausbildung der LehrerInnen des Religionsunterrichts sowie der Religionsunterricht selbst staatlich kontrolliert werden. Dass mancher Religionsunterricht das nachweislich kann, spricht nicht gegen die Feststellung, dass das nicht verpflichtend erwartet werden kann; und deshalb muss das Moment einer gemeinsamen ethischen Bildung institutionell verankert werden. So argumentieren manche. Diese Argumentation ist schwer von der Hand zu weisen.

Darum will ich mal sehen, wie das – auch aus der Sicht von christlichen Theologen – geht.

Na klar, ärgern wir uns immer mal wieder, wie sich andere benehmen. Da muss nicht erst einer aus einer anderen Kultur kommen – es reicht schon, unterschiedlich mit Hunden umzugehen, oder Plastetüten mehrfach zu gebrauchen oder wegzuwerfen, Häuser zu besprühen oder Treppenabsätze zu scheuern … Was heißt da „benimm dich anständig!“?  Ich weiß schon: Das gibt’s nicht mehr, dass man sich weit und breit in der Gesellschaft einig wäre, was „man“ anständiger Weise tut und lässt. Unser unterschiedliches Benehmen liegt gar nicht in der Nationalität oder Religion begründet. Wenn ich daran denke, wie sich unsere Nachbarn verhalten, ja in meiner Verwandtschaft, dann scheint es 1000 Gründe zu geben, wie unterschiedlich Zeitgenossen auf mein Ruhebedürfnis achten oder wie unterschiedlich sie sich sozial verhalten oder wie unterschiedlich sie um ihren Verdienst kämpfen usw. → Entweder müssen wir uns aus dem Weg gehen, oder wir nehmen doch an, wir könnten uns in genügend Bereichen auf gemeinsame Verhaltensregeln einigen. - 

Ich höre oft: „… Das kann man wohl von jedem vernünftigen Menschen erwarten.“ Also, dass die Vernunft jedem Menschen eingibt, was wir zu tun oder zu lassen haben. Jedenfalls könnten alle vernünftig erzogen werden. Das sollte doch im Elternhaus und in der Schule geschehen.

Tatsächlich lernen Heranwachsende Werte und Verhaltensmuster dadurch, wie am Abendbrotstisch über andere geredet wird. Und sie lernen davon, wie in der Schule Zusammenarbeiten gepflegt und unterschiedliche Begabungen gefördert werden und wie Konflikte in einer größeren Gruppe geregelt werden. Was wir als wertvoll schätzen, pflegen, hüten und fördern, lebt davon, was wir an Wertschätzungen erfahren. Und was wir da so für wertvoll halten, lernen Heranwachsende, indem sie es mitlaufend überzeugend erleben

Doch zunehmend überschreiten sie den eigenen Erfahrungskreis: Wie gehen andere mit Herausforderungen in bestimmten Situationen um? Der Horizont wird erweitert, indem gehört oder gesehen wird, was von früher oder von woanders überliefert wird. Das kommt durch Filme und Erzählungen rüber. Und Heranwachsende machen sich ihre Gedanken, was hinter diesem Umgang mit den Herausforderungen steckt. Zu einigermaßen sicheren Verhaltensregeln werden die gesehenen oder gehörten Verhaltensweisen aber nur, wenn sie eine wichtige Rolle spielen in der Gruppe, die für die Heranwachsenden bedeutsam ist. Solche ethische Bildung gibt Orientierung, mit welchem Verhalten ich geachtet werde; was für Erwartungen und Ansprüche an mich gestellt werden; und wie ich mich auch vor dem verantworten muss, was noch auf uns zukommt.

Anspruchsvolle Moral, was eines Menschen würdig ist, lernen wir nicht allein aus dem, was wir erleben, wie die Menschen „nun mal sind“. Wir lernen es aus Träumen vom guten Menschen, aus größeren Ansprüchen an das Menschsein. 

Es reicht nicht zu wissen, was üblich ist: Es braucht die Überzeugung, was dem Menschen als Menschsein zugesprochen wird und darum im qualifizierten Sinn als menschlich und gerecht gilt. Erst aus so einer moralischen Bildung gibt es moralisches Leiden an Unrecht und Hoffen, moralische Empörung und Hochachtung, moralisches Mühen und Engagement. Da laufen dann Verantwortungsbewusstsein, Gewissen und Schuld- bzw. Schamgefühle mit.

Solche größeren Ansprüche an das Menschsein werden überliefert in kulturellen Traditionen. Und sie prägen in der Regel Menschen, die sich der Gruppe (1) dieser Tradition zugehörig fühlen. 

Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte gründet auf der Idee, dass Menschen aller Kulturen eine ethische Gemeinschaft bilden. Verbindlich wird diese Idee in dem Maß, wie ihr zugestimmt wird. Die ethischen Grundsätze unseres „Grundgesetzes“ setzen voraus, dass sie über die Grenzen verschiedener religiöser oder sonstiger kultureller Traditionen hinaus anerkannt werden.

Wie ist es aber, wenn in unserer Gesellschaft Menschen unterschiedlicher Kulturen zusammen leben? Können wir voraussetzen, dass auch zwischen den verschiedenen religiösen und sonstigen Kulturen Einigkeit über Grundsätze des menschlichen Zusammenlebens besteht? –

Das wird unterschiedlich gesehen. Beispiele:

Wolfgang Huber (evangelischer Theologe): Im Kern gibt es keinen gemeinsamen ethischen Fundus zwischen den Kulturen. Nur müssen die Menschen, die jeweils ihre kulturelle Tradition pflegen sollen, auch die Menschen jenseits ihrer Tradition in den Blick nehmen. Dabei sollen alle versuchen, Schnittpunkte und Übereinstimmungen ihrer verschiedenen Kulturen zu finden. „Ein solcher Konsens kann ... nur das - jeweils überholbare und überbietbare - Resultat von Verständigungsprozessen sein, in die gerade die Verschiedenheit der kulturellen und religiösen Traditionen eingebracht werden muss.” (2)  „Wer die universale Geltung ethischer Einsichten und menschenrechtlicher Standards stärken will, muss sich gerade auf die Besonderheit dieser Traditionen und Überzeugungen einlassen. Wer die Religionen oder kulturellen Traditionen auf das gemeinsam Aussagbare reduzieren würde, würde gerade die Quellen verstopfen, aus denen allein ein planetarisches Ethos fließen kann.” (3

Otfried Höffe (Philosoph): Jede Gesellschaft, auch jede pluralistische Gesellschaft, braucht „wenigstens einige allgemein gültige normative Verbindlichkeiten. Das sind elementare Regeln, Prinzipien oder Kriterien, die nicht bloß für einzelne Menschen und Gruppen in ihrer Besonderheit gültig sind und die deshalb dem Widerstreit partikularer Bekenntnisse und Daseinsentwürfe enthoben sein müssen.” (4

Richard Rorty (Philosoph): Die Stärkung des Wir-Gefühls ist nicht unbedingt ein Motor für das Interesse, mit anderen eine gemeinsame ethische Ebene zu pflegen und auszubauen (die Wir-Solidarisierung lebt ja von dem Kontrast zu „denen”, die zwar auch Menschen sind, aber Menschen von der falschen Sorte). Dabei hilft nicht die Frage weiter „glaubst und wünschst du, was ich glaube und wünsche?”, sondern eher die Frage „worunter leidest du?”. „Dann würde vielleicht deutlich, dass die traditionellen Unterschiede zwischen Nationen, Rassen und Religionen sekundär sind im Vergleich zu den gemeinsamen Empfindungen von Schmerz und Demütigung.” (5)

Dem ehemaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan bereitet Sorge, dass gegensätzliche Wertesysteme Misstrauen befördern und zumindest Menschen dazu veranlassen, „einige ihrer Mitmenschen von Mitgefühl und Solidarität auszuschließen, weil sie nicht die gleichen religiösen oder politischen Überzeugungen, das gleiche kulturelle Erbe oder nicht die gleiche Hautfarbe haben.“ Er sagt: Partikularistische Wertesysteme können verheerende Folgen haben. (6

Fazit:

Moralische Bildung braucht heute zweierlei:

  • Es braucht, unsere Gefühle und Bedürfnisse durch moralisch starke Bilder und Erzählungen zu einem Leben zu erziehen, das dem menschlichen Zusammenleben auf dieser Erde und mit dieser Erde auf Dauer würdig ist. Dazu sollen die entsprechenden kulturellen Traditionen gepflegt werden, selbstverständlich auch am Bildungsort Schule.
  • Wenn Menschen verschiedener Traditionen zusammen leben und Werte nicht mehr selbst-verständlich sind, ist es nötig einzuüben: Andere wahrzunehmen, Folgen von Verhalten abzuschätzen, nachvollziehbar zu begründen sowie sich für Verständigungen bzw. jedenfalls für Kompromisse zu engagieren. Das kann heutzutage nicht mehr einzelnen engagierten Freizeitclubs überlassen bleiben; es muss Interesse aller Bildungsträger sein, dass es dafür einen verbindlichen Bildungsplatz gibt. – Also wo, wenn nicht auch in der Schule?

Reinhard Kähler


Fußnoten

1) Das kann eine kleine Gruppe Jugendlicher sein oder ein Kulturraum ... 

2) Wolfgang Huber „Die tägliche Gewalt. Gegen den Ausverkauf der Menschenwürde” 1993 21994, 182.

3) Ebd. 181.
„Nur wo Menschen ihre Verschiedenheit zur Geltung bringen, können sie lernen, dass es Mindeststandards gibt, ohne deren Beachtung das gemeinsame Leben gefährdet oder zerstört wird.” (ebd. 183)

4) „Werte, Normen und Grundhaltungen: die Perspektive philosophischer Ethik” in: Konrad Schneid (Hg.) „Erziehen in der Schule. Aufgaben, Ziele und Methoden” 1979, 37.

5) Zit. bei Walter Lesch „Gesellschaft – Gemeinschaft – Gemeinwohl“ in: V.Eid / A.Elsässer / G.W.Hunold (Hg.) „Moralische Kompetenz. Chancen der Moralpädagogik in einer pluralen Lebenswelt” 1995, 117-142, 132f.

6) Kofi Annan „Ein Weltethos gegen Hass und Terror. Globale Menschenrechte in Zeiten von Krieg, Armut und Fundamentalismus“ in: PublikForum 1/2004, 8-10.