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E c c e   H o m o

Alle nannten ihn Gabriel. Niemand wusste, ob das sein Vor- oder Nachname war. Oder ob er überhaupt so hieß. Gabriel war ein V3, ein „Beutegermane“. Die Reichsregierung hatte nämlich die deutschen Menschen in Volksgruppen eingeteilt. Die in Deutschland lebenden bildeten die edle Volksgruppe 1 der Reichsdeutschen. Kaum weniger edel war die Volksgruppe 2 der woanders lebenden, also der Auslanddeutschen. Und dann gab es noch Menschen, von denen man nicht so genau wusste – die es vielleicht nicht einmal selbst so genau wussten – wo sie hingehörten. Sie waren keine Deutschen. Sie waren keine Polen. Sie waren irgendetwas dazwischen. Also deklarierte man sie kurzerhand zur Volksgruppe 3 der Volksdeutschen. Böse Zungen nannten sie in Anlehnung an die vorgeblichen Wunderwaffen V1 und V2 einfach V3 oder auch Beutegermanen. Als nicht ganz so edle, aber immerhin deutsche Menschen gebührte auch ihnen nun die Ehre, dem Vaterland zu dienen. Und so bekam Gabriel wie alle anderen wehrfähigen Volksdeutschen eine Uniform und einen Kurzlehrgang im Töten. Bevor Gabriel mit seiner Kompanie zum Fronteinsatz sollte, stellten sie ihre Fähigkeiten in einem Manöver unter Beweis. Hei, wurde da lustig mit Platzpatronen durch die Gegend geballert. Aber! Die Maschinengewehre schossen mit scharfer Munition, weil Platzpatronen den MG-Läufen nicht guttun. Gabriel geriet durch den Lärm in Panik. Er sprang auf und rannte los. Direkt in eine MG-Garbe hinein. Seine schweren Verletzungen überlebte er. Im Lazarett flickten ihn die Ärzte wieder zusammen. Dabei stellte es sich heraus: Gabriel war mehr oder weniger schwachsinnig. Er war zu nichts zu gebrauchen. Nicht einmal fürs Gewehr. Es bleibt ein Rätsel, warum man ihn nicht in seine Heimat entließ.

Vielmehr verlegte man ihn mal hierhin, mal dorthin., bis er schließlich bei der Ausbildungskompanie eines Panzer-Grenadier-Regiments in einem Dorf in Dänemark landete.

Im Herbst 1944 wurde ich – gerade 17jährig – eingezogen und aufgrund meiner Plattfüße den motorisierten Einheiten zugeteilt. So kam ich zur Ausbildung in eben dieses dänische Dorf und lernte Gabriel kennen. Er war ein ziemlich kleiner Mann mittleren Alters. Er besaß nichts. Keine Uniform, keinen Mantel. Nicht einmal einen Stahlhelm. Er war völlig verwahrlost, denn niemand kümmerte sich um ihn. Er schlurfte ständig im abgetragenen Drillichzeug umher, das er auch zum Schlafen anbehielt. Zu jedem – vom Rekruten bis zum Kompaniechef sagte er: „Jawoll, Herr Unteroffizier!“ Gelegentlich brummelte er vor sich hin: „Lebben und lebben lassen!“ Sonst sagte er kaum etwas.

Ecce HomoEines Tages kam einer meiner Ausbilder auf die Idee, er müsse aus Gabriel doch noch einen richtigen Soldaten machen. Er gab ihm die hölzerne Attrappe eines Gewehres und begann, mit ihm zu exerzieren. Er brüllte Befehle. Gabriel bemühte sich vergeblich sie zu befolgen. Er war völlig hilflos. Er verstand überhaupt nicht, was von ihm verlangt wurde. Es war ein lächerliches Bild. Aber ich konnte nicht lachen. Mir kam ein Bild aus dem Konfirmandenunterricht in den Sinn: Pilatus weist auf den neben ihm stehenden, bis aufs Blut geschundenen Mann und ruft dem aufgeputschten Pöbel zu: „Ecce homo – seht, ein Mensch!“

Anfang April 1945 wurde meine Kompanie an die nicht mehr existierende Front geschickt. Jeder bekam ein Gewehr und fünf Schuss Munition. Damit sollten wir eine auf Hannover vorrückende amerikanische Panzerdivision aufhalten. Die rechtzeitige Desertation und eine gnädige Kriegsgefangenschaft bewahrten mich und einige wenige Kameraden vor dem Heldentod.

Auch Gabriel hatte Glück. Wir ließen ihn in Dänemark zurück. Ich habe nie wieder etwas von ihm gehört.

Reinhard Winkelmann