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Wie im Himmel
Eine Sternstunde mit der Kantorei Johannisthal

Wer das Mozart-Requiem von weltbekannten Profi-Ensembles gehört hat und dennoch mit der Frage zurückblieb, warum stellenweise Langeweile aufkam, konnte am 18. November in der Christuskirche Berlin-Oberschöneweide erleben, dass die Antwort darauf nicht im Werk, sondern in dessen Auffassung zu finden ist und im Idealfall für das Werk und die Interpreten sprechen kann. Dass diese Einsicht von der Kantorei Johannisthal (Berlin), also einem Laienchor vermittelt wurde, zeigt einmal mehr, dass der Geist (und nicht Profiroutine) es ist, der den Ton lebendig macht. 

Ein Funke davon leuchtete bereits im Schlusschoral der vorangehenden Bachkantate „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ (BWV 12) auf, nachdem das Instrumentalensemble „Camerata Instrumentale“ und die Gesangssolisten ihr (zweifellos vorhandenes) Potenzial leider nicht ausschöpfen konnten. Diese in Kirchenkonzerten mangels gemeinsamer Probenzeit häufige und deshalb durchaus verzeihliche Schwäche verschwand im Requiem vom ersten bis zum letzten Chorton in einem Gänsehauterlebnis, das seinesgleichen sucht und den Rezensenten unwillkürlich an den Film „Wie im Himmel“ erinnerte, in dem deutlich wird, wozu die gemeinsame Hingabe an ein Werk führen kann, wenn sie von liebevoller Begeisterung getragen ist, die auch den zwischenmenschlichen Bereich einschließt. Hier liegt das Geheimnis, Alltagsgrenzen hinter sich  zu lassen. Und so war die hochkonzentrierte Interaktion zwischen Chor und Chorleiter Martin Fehlandt nicht nur Ausdruck eines begnadeten Musikers und überzeugenden Interpretationskonzeptes, sondern zugleich auch einer allseitigen Verschmelzung im Geist.

Als Ergebnis entfaltete sich ein Spannungsbogen, der bis zum Schluss nie abriss, weil jeder Moment eindringliche Intensität und Bedeutung erlangte, die sich u. a. aus einem faszinierenden Chorklang, plastischer Stimmführung, expressiver Rhetorik und idealen Tempi ergaben, die gleichsam aus der rhythmischen Sprache der Themen geboren waren. Welche beharrliche hingebungsvolle Arbeit hinter einer solchen künstlerischen Gemeinschaftsleistung steckt, lässt sich wohl (nur) erahnen. Die Aufführung wurde zu einer jener seltenen Sternstunden, deren Magie Menschen mit so ursprünglicher Kraft erfasst, dass sich eine religiöse Stimmung wie von selbst einstellt. Wie stark diese Wirkung hier wurde, war in der anhaltenden Schlussstille zu spüren, in die das Verklungene weiter hineinzuwachsen schien, bis dann doch nicht enden wollender Beifall und eine Zugabe folgten.

Angesichts solcher Ereignisse in zumeist übervollen Kirchen liegt auf der Hand, dass es die unmittelbaren Schöpferkräfte sind, die den Gegenwartsmenschen ansprechen und in die Zukunft tragen wollen, während das mittelbare theologisch-ideologische Element an Einfluss verliert. Es wäre ein folgenschwerer innerkirchlicher Fehler, sich dieser Einsicht zu verschließen. Denn mangelnde Förderung der Zukunftskräfte hat das Überlebte nie zu retten vermocht.

Wolf Bergelt