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Archiv / Andacht
 
Charlotte freut sich nicht auf das Weihnachtsfest. Ihre Tochter, bei der sie immer den Heiligen Abend verbringt, fährt mit ihrer Familie zum Wintersport. Um dem Trubel aus dem Weg zu gehen, sagt sie. Aber in so einem Hotel gibt es doch bestimmt auch Trubel.
Am liebsten würde Charlotte das Fest ausfallen lassen. Braucht sie die Schokoladenmänner schon im September und die hellen Lichter und die alten Lieder?
Es ist doch jedes Jahr dasselbe und nun wird sie auch noch allein und einsam den Kartoffelsalat essen müssen. Aber sie kann den Tag ja nicht einfach aus dem Kalender streichen, wenn das so einfach wäre. –
Und dann ist es soweit. Der 24. Dezember ist gekommen. Charlotte könnte sich die Decke über den Kopf ziehen, nichts hören, nichts sehen. - Nein, das will sie nicht. Sie geht in die Kirche wie jedes Jahr – zwar traurig aber bestimmt – damit die Zeit vergeht.
Seit ihre Tochter verheiratet und ihr Mann gestorben ist, hat sie keinen Baum mehr geschmückt. Wozu auch? Und nun sieht sie in der Kirche den Riesenbaum mit den vielen Kerzen und an der Decke den großen Herrnhuter Stern.
Da wandern ihre Erinnerungen weit zurück bis in ihre Kindheit. Die ganze Familie sitzt um den runden Tisch und versucht so einen Stern zusammen zu basteln. Manche Tüten müssen erst wieder geklebt werden, sie sind schon etwas altersschwach geworden. Charlotte wird es ganz warm im Bauch ...
Die Weihnachtslieder werden in der Kirche gesungen, Charlotte wird regelrecht mitgerissen, sie singt aus voller Kehle „Vom Himmel hoch, da komm ich her ...“ Und als die Kinder das Krippenspiel aufführen, wandern ihre Gedanken wieder in die Vergangenheit. Damals durfte sie mitspielen, einmal war sie die Maria, die das Jesuskind geboren hatte, das in einer Krippe lag und sie hätte am liebsten ihre Jacke ausgezogen, um die Puppe zuzudecken, so vertieft war sie in das Spiel.
Aber ist das nur ein Spiel, was jetzt da vorne in der Kirche passiert? Maria und Josef suchen ein Dach über dem Kopf. Aber es gibt für sie keinen Raum in der Herberge. Neulich sah Charlotte am Bahnhof einen Jungen so alt wie ihr Enkel, der schlief mit seinem Hund auf einem Pappkarton. Täglich verhungern auf unserer reichen Erde tau-sende von Kindern.
Als die Gedanken Charlotte bis hierher getragen haben, beschleicht sie ein Unbehagen über die Traurigkeit, mit der sie gekommen war. Sie hat ein warmes Zimmer, im Kühlschrank steht der schmackhafte Kartoffelsalat, na ja und einen heißen Punsch kann sie sich auch noch zubereiten. „Danke!“ sagt Charlotte leise zu dem Jesuskind dort in der Krippe.
Das letzte Lied erklingt „Oh du fröhliche, oh du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit ...“ Munter verlässt Charlotte die Kirche. Man muss doch etwas tun, denkt sie. Allen Menschen, denen sie auf dem Weg nach Hause begegnet, wünscht sie ein frohes Weihnachtsfest. Manche schauen verwundert, aber alle erwidern den Gruß.

Regina Burow